Kasse muss Kosten für höherwertiges Hörgerät zahlen

Versicherte können ein teureres Hörgerät beanspruchen, die Kosten zahlt die Krankenversicherung

Wer bezahlt für Ihre Hörgeräte?

Vielen Betroffenen stellt sich die Frage, ob sie die Kosten für ihre Hörgeräte komplett selbst tragen müssen. Das ist in Deutschland jedoch nicht der Fall. Denn hierzulande erstattet die gesetzliche Krankenkasse die Kosten bis zur Höhe des sogenannten Festbetrages. Dadurch erhalten schwerhörige Menschen eine qualitativ hochwertige Hörgeräteversorgung ohne Zuzahlung. Voraussetzung hierfür ist, dass die Hörgeräte vom HNO-Arzt verschrieben wurden. Der Versorgungszeitraum beträgt sechs Jahre. Danach werden neue Hörgeräte von der Krankenkasse übernommen.

Wie läuft die Erstattung der Kosten für Hörgeräte ab?

  1. Der Weg zu Ihren Hörgeräten beginnt mit einem Hörtestbei einem Hörakustiker oder HNO-Arzt. Wird eine Schwerhörigkeit diagnostiziert, legt der HNO-Arzt nach einer gründlichen Untersuchung ihrer Ursachen, Art und Schwere die geeignete Therapieform
  2. Verordnet er Hörgeräte, haben gesetzlich Krankenversicherte Anspruch auf eine Hörgeräteversorgungals Sachleistung und auf die Erstattung in Höhe des Festbetrages. Ein Anspruch auf eine Hörgeräteversorgung gegenüber der gesetzlichen Krankenkasse kann bereits ab einem Hörverlust von 20 Prozent
  3. Der nächste Schritt führt zu einem Hörakustiker,der Sie umfassend berät und mit Ihnen gemeinsam das am besten geeignete Hörsystem auswählt. Er bietet Ihnen mehrere Hörgeräte zum Testen und Vergleichen an, darunter stets auch mindestens eines, für das Sie keine Zuzahlung leisten müssen.
  4. Wenn Sie sich für ein Hörgerät entschieden haben erhalten Sie einen Kostenvoranschlag. Mit diesem wird der Antrag auf Erstattung der Hörgeräteversorgungan die Krankenkasse gestellt. Sowohl den Antrag als auch die Abrechnung übernimmt der Hörakustiker für Sie. Sobald eine schriftliche Zusage der Krankenkasse mit der Bestätigung der Erstattung des Festbetrags eingeht, kann das gewählte Hörsystem bestellt und individuell angepasst werden.
  5. Der Anpassungsprozessnimmt einige Zeit in Anspruch. Oftmals muss gutes Hören erst wieder schrittweise erlernt werden. Der Hörakustiker justiert die Geräte daher immer wieder neu, bis Ihr optimal eingestelltes und individuell passendes Hörsystem gefunden haben.
  6. Mit der erfolgreichen Anpassung ist der Service der Hörakustiker für Sie aber noch nicht erschöpft: Darüber hinaus bieten sie eine mehrjährige Nachsorge. Sie nehmen Feinanpassungen und kleinere Reparaturen vor, reinigen, beraten und wechseln – so erforderlich – auch die Batterien der Hörsysteme.

Und täglich grüßt das Murmeltier. Das könnte man denken, sieht man, wie oft Gerichte Kranken­kassen dazu verur­teilen, höhere Kosten für Hörgeräte zu übernehmen. Und trotzdem weigern Kassen sich immer wieder. Betroffene sollten also nicht klein beigeben.

Das Hessische Landes­so­zi­al­ge­richt hat entschieden, dass die gesetz­liche Kranken­kasse die Kosten für ein teureres Hörgerät übernehmen muss, wenn nur dieses Gerät eine sachge­rechte Versorgung des Versi­cherten ermöglicht. Die Kasse kann sich dann nicht auf Festbe­trags­re­ge­lungen berufen.

TELEFON­GESPRÄCHE MIT HÖRGERÄT NOTWENDIG?

Ein Verwal­tungs­fachan­ge­stellter litt an einer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit. Nach einer entspre­chenden Testphase empfahl ihm der Hörgeräteakus­tiker ein Hörgerät für rund 4.900 Euro, mit dem der Mann sogar Telefon­gespräche führen konnte. Die Kranken­kasse teilte ihm aber mit, dass sie nur den Festbetrag von rund 1.200 Euro übernehme. Der Mann erwarb trotzdem das teurere Hörgerät. Seinen Antrag auf Erstattung des Diffe­renz­be­trages von rund 3.700 Euro lehnte die Kranken­kasse ab.

Das Sozial­ge­richt hatte die Klage des Mannes mit der Begründung abgewiesen, dass dieser bereits vor der ableh­nenden Entscheidung der Kranken­kasse das Hörgerät erworben und damit den vorge­schrie­benen Beschaf­fungsweg nicht einge­halten habe.

KRANKEN­KASSE MUSS KOSTEN ÜBERNEHMEN

Anders entschied die zweite Instanz. Die Richter in Darmstadt verur­teilten die Kranken­kasse zur Erstattung der rund 3.700 Euro. Die Versorgung mit Hörgeräten diene dem unmit­tel­baren Behin­de­rungs­aus­gleich. Es gelte das Gebot eines möglichst weitge­henden Ausgleichs des Hördefizits. Die gesetz­liche Kranken­kasse könne sich nur dann auf eine Festbe­trags­re­gelung berufen, wenn diese eine sachge­rechte Versorgung des Versi­cherten ermögliche. Andern­falls müsse sie die kompletten Kosten für das erfor­der­liche Hörgerät tragen.

Die Versor­gungs­an­zeige des Hörgeräteakus­tikers beinhalte einen Leistungs­antrag auf bestmögliche Versorgung mit einem Hörgerät. Gewähre die Kranken­kasse hierauf den Festbetrag, so lehne sie damit gleich­zeitig die Kostenübernahme für eine höherwer­tiges Hörgerät ab. Da die Kranken­kasse den Antrag habe prüfen können, sei auch der Beschaf­fungsweg einge­halten, wenn der Versi­cherte das Hörgerät kaufe, bevor die Kranken­kasse die Kostenübernahme des Diffe­renz­be­trages ausdrücklich abgelehnt habe.

Zudem böten die Kranken­kassen wie auch die Renten­ver­si­che­rungsträger den hörgeschädigten Versi­cherten keinen Zugang zu unabhängigen Beratungs- und

Begut­ach­tungs­stellen. Diese Aufgabe würden sie vielmehr an die Hörgeräteakus­tiker „outsourcen“. Dabei müssten es die Kranken­kassen hinnehmen, dass diese auch Gewinn erzielen wollten. Daher gehe es zu Lasten der Kranken­kasse, wenn sich im Gerichts­ver­fahren nicht mehr klären lasse, ob auch ein günstigeres Hörgerät einen möglichst weitge­henden Ausgleich der Hördefizite erzielt hätte (AZ: L 8 KR 52/11).

Sie haben Fragen zu den Leistungen der Krankenversicherung? Anwältinnen und Anwälte für Sozialrecht finden Sie hier.

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